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Der vorletzte Schritt

Liebe Seniorinnen und Senioren!

Nähern Sie sich dem Alter von 70 Jahren oder sind Sie älter? Wohnen Sie alleine oder zu zweit in einem Haus oder einem großen Apartment? Könnten Sie dort noch wohnen, wenn Sie nicht mehr so fit sind und z.B. einen Rollator oder gar einen Rollstuhl benötigen? Fällt Ihnen das Treppensteigen schwer? Erleben Sie Haus- und Gartenarbeit zunehmend als belastend? Benötigen Sie bereits eine Haushaltshilfe oder einen Gärtner? Leben Ihre nächsten Verwandten weit entfernt? Wird Ihr Freundes- und Bekanntenkreis immer kleiner, weil immer mehr Personen verstorben sind oder nur noch selten ihre Wohnung verlassen?

Wenn Sie solche oder ähnliche Fragen mit „ja“ beantworten müssen, dann wird es Zeit, über den „vorletzten Schritt“ nachzudenken: den Umzug in eine behindertengerechte Wohnung (der „letzte Schritt“ würde dann in ein Pflegeheim führen). Und hier ist ganz wichtig, eine solche Entscheidung frühzeitig zu treffen!

Erstens haben Sie irgendwann keine Kraft mehr, Ihre bisherige Wohnung aufzulösen. Schließlich müssen Sie Ihre Möbel, Bücher, Akten, Andenken, Fotoalben usw. aussortieren, vieles vererben oder verschenken und einen großen Teil entsorgen. Und hier sollten Sie den Zeit- und Kraftaufwand nicht unterschätzen! Zudem müssen Sie für das neue Apartment zumindest einige Möbel kaufen – das geliebte alte Sofa und das bisherige (Doppel-) Bett sind vielleicht zu niedrig, sodass das Aufstehen schwer fällt. Paare sollten möglichst zwei Einzelbetten wählen – dann kann bei Bedarf ein Bett durch ein Pflegebett ausgetauscht werden. Schließlich muss der Umzug organisiert werden.

Zweitens werden Sie nicht so schnell eine seniorengerechte Wohnung finden, da die Nachfrage aufgrund der Alterung der Gesellschaft immer mehr zunehmen wird – und das Angebot in den kommenden Jahren mangels geeignetem Wohnungsbau kaum ausgeweitet werden dürfte. Und sollten Sie eine Seniorenwohnanlage („betreutes Wohnen“) in Betracht ziehen, so müssen Sie mit Wartezeiten von fünf Jahren und länger rechnen!

Drittens wollen Sie ja an Ihrem neuen Wohnort – falls Sie z.B. in die Nähe von Verwandten ziehen möchten – noch neue Bekanntschaften und vielleicht sogar Freundschaften schließen. Das gelingt eher, solange Sie noch „fit“ sind.

Wie wir in unserer Seniorenwohnanlage leben
Meine Frau und ich sind mit 77 bzw. 69 Jahren in eine von unserem früheren Wohnort weit entfernte Seniorenwohnanlage umgezogen und leben jetzt in einem 73 qm großen Zwei-Zimmer-Apartment, das wir mit geeigneten (neuen) Möbeln und unseren Lieblingsstücken ausgestattet haben. Es befindet sich im vierten Stock, den wir mit einem Aufzug erreichen. In die vorgenannte Quadratmeterzahl nicht eingerechnet sind der schmale Balkon, der an drei Seiten der Wohnung verläuft (und eigentlich nur Arbeit macht, aber bei einer zukünftigen Behinderung kurze „Spaziergänge“ ermöglicht), und das große Kellerabteil, in das zwei Kleiderschränke und zwei Regale passen.

Es gibt nur 15 Apartments im Haus, sodass wir schnell die Mitbewohner/innen kennenlernten. Mit zwei anderen, in der Nähe liegenden Seniorenwohnanlagen bilden wir „eine Einheit“, die von zwei Sozialarbeitern und einem Hausmeister betreut werden. Erstere sind nicht nur beratend tätig, sondern organisieren auch besondere Aktivitäten (z.B. Gymnastik, Qigong, Sitzyoga, Sturzprophylaxe, Lesekreis, Demenzprävention), Veranstaltungen und Feste. So haben sich schnell weitere Kontakte ergeben, sodass wir – nach nun drei Jahren – einen neuen Freundes- und Bekanntenkreis aufgebaut haben.

Dank einer großen Küche – natürlich seniorengerecht ausgestattet (z.B. mit einem Backofen auf Hüfthöhe) – versorgen wir uns selbst mit allen Mahlzeiten. Geschäfte und der Markt, aber auch Haus- und Fachärzte und ein Krankenhaus, befinden sich in der Nähe, sodass wir sie auch mit Rollator bzw. im Rollstuhl erreichen könnten. Die Innenstadt ist zwei und der Hauptbahnhof vier Straßenbahnstationen entfernt. Unsere nächsten Verwandten leben in der Nähe von Zürich und können uns in ca. zwei Stunden mit dem Auto erreichen. Da wir kinderlos blieben, sollen sie nur gelegentlich nach dem Rechten schauen und unsere Konten verwalten, falls wir pflegebedürftig oder dement werden sollten.

Betreute und nicht betreute behindertengerechte Wohnungen
Sieht man von der Betreuung durch die Sozialarbeiter ab, gibt es zwischen unserer Wohnung und einem gekauften oder gemieteten behindertengerechten Apartment in einem Mehrfamilienhaus keinen großen Unterschied: In beiden Fällen sind die Räumlichkeiten ebenerdig oder mit einem Aufzug zu erreichen, sind die Türen breiter, ist das Bad behindertengerecht. Und in beiden Fällen müssen zusätzliche Leistungen wie z.B. Notrufanlagen, hauswirtschaftliche Hilfen, Mahlzeitenlieferungen oder ambulante Pflegedienste selbst organisiert werden.

Die große Bandbreite von Seniorenwohnanlagen
Allerdings gibt es auch Wohnanlagen, die weitere Leistungen als die vorgenannten anbieten – bis hin zu einer Rundumversorgung. Dazu gehören beispielsweise:

  • ein tägliches Mittagessen (oft mit Menüwahl),
  • ein eigenes Restaurant (mit Kellner/innen), das bis zu drei Mahlzeiten am Tag anbietet,
  • ein Café,
  • ein kleines Lebensmittelgeschäft,
  • ein Schwimmbad (mit/ohne Sauna),
  • ein Fitnessraum,
  • eine Arztpraxis im Haus,
  • eine physiotherapeutische, logopädische und/oder ergotherapeutische Praxis,
  • ein Friseursalon,
  • eine podologische Praxis,
  • eine Tiefgarage,
  • ein Busshuttle in die Stadt (mehrmals pro Woche oder bei Bedarf),
  • eine eigene Abteilung für Pflegebedürftige oder Demenzkranke, sodass diese weiterhin in dem ihnen vertrauten Haus wohnen können,
  • bei Erkrankung Servieren von Mahlzeiten im eigenen Apartment,
  • unterschiedlich große Veranstaltungsräume bis hin zu einem kleinen Theater,
  • eine Bibliothek,
  • besondere Angebote wie Ausflüge oder Besuche von Opern, Konzerten, Musicals usw.
  • beim Träger buchbare Urlaubsreisen (nur für die Bewohner/innen der Seniorenwohnanlagen),
  • ein großer Garten bis hin zu einem privaten Park.

Je mehr eine Einrichtung anbietet (und je größer bzw. luxuriöser die Apartments sind), umso teurer ist sie in der Regel.

Auch hinsichtlich ihrer Lage unterscheiden sich Seniorenwohnanlagen. Einige liegen mitten im Wald oder sind von Weinbergen oder (Obst-) Wiesen umgeben. Andere befinden sich in der Innenstadt oder in anderen Stadtvierteln. Dementsprechend unterschiedlich ist die Anbindung an das Fern- und Nahverkehrssystem. Insbesondere wenn man seinen PKW verkauft hat bzw. aus gesundheitlichen Gründen abschaffen musste, sollten Busse und Bahnen gut zu erreichen sein – schließlich möchte man ja noch Cafés und Restaurants in der Innenstadt nutzen, einen Einkaufsbummel machen oder eine Ausstellung, ein Konzert bzw. eine Theateraufführung besuchen. Von dem wunderschönen Blick über Berge, Täler und Wälder hat man wenig, wenn man die Wohnanlage nur per Taxi oder mit dem einige Male pro Woche angebotenen Busshuttle verlassen kann.

Das passende Angebot finden
Falls Sie sich für eine Seniorenwohnanlage interessieren, sollten Sie sich frühzeitig bewerben, da die Wartezeiten oft fünf Jahre und länger sind. Besonders lang sind sie, wenn Sie z.B. ein großes Apartment wünschen, in dem Sie zu zweit wohnen können, da die weitaus meisten Wohnungen nur für eine Person gebaut werden. So bietet es sich an, wenn Sie sich gleich bei mehreren Seniorenwohnanlagen bewerben. Da auch andere auf diese Idee gekommen sind, verlangen manche Träger inzwischen Bewerbungsgebühren (die zumeist auf die erste Miete angerechnet werden, ansonsten aber verfallen).

Leider melden sich viele Personen von den Wartelisten nicht ab, wenn sie woanders ein Apartment gefunden haben oder wenn sie nicht mehr interessiert sind, weil sie z.B. in ein Pflegeheim umziehen mussten. Und dann gibt es natürlich auch Sterbefälle während der Wartezeit. Außerdem erleben die Träger häufig, dass Bewerber/innen dann doch die ihnen angebotene Wohnung nicht haben wollen, weil sie sich noch „zu jung“ fühlen bzw. noch nicht „bereit“ sind. So ist unser Eindruck, dass Wartelisten vielerorts recht locker gehandhabt werden – und eine von uns besichtigte Einrichtung verzichtet inzwischen auf sie. Hier bekommen ganz aktuelle Bewerbungen den Zuschlag…

Viele Seniorenwohnanlagen nehmen keine Bewerber/innen mehr auf, wenn sie während der Wartezeit die Pflegestufe 1 (oder höher) erreicht haben. Schließlich soll ein Apartment möglichst lange bewohnt werden, da dem Träger bei einem Wechsel Kosten wie z.B. Streichen der Wände, Abschleifen der Böden, Überprüfen der Installationen und ausfallende Mietzahlungen entstehen. Noch ein weiterer Grund, sich möglichst frühzeitig zu bewerben…

Unsere Vorgehensweise
Wir wollten in die Nähe der Schweiz umziehen, sodass wir unsere Verwandten nach maximal drei Stunden Bahnfahrt erreichen können. Damit kamen das südliche Baden-Württemberg und der Südwesten von Bayern in Frage. Unser Hausarzt riet uns, einen größeren Ort zu wählen, wo wir Fachärzte und ein Krankenhaus leicht erreichen können.

So identifizierten wir zunächst Städte, die die beiden vorgenannten Kriterien erfüllen. Dann suchten wir im Internet nach den dortigen Seniorenwohnanlagen. Das war gar nicht so leicht, da bei Google Suchbegriffe wie „Ortsname“ und „betreutes Wohnen“ nur wenige Treffer ergaben. So lernten wir, dass wir zusätzlich auf den Websites von Wohlfahrtsverbänden (Caritas, Diakonisches Werk, Arbeiterwohlfahrt usw.) suchen mussten. Ferner stießen wir auf reine Trägerverbände von Seniorenwohnanlagen (Augustinum, Kuratorium Wohnen im Alter, Pro Seniore usw.). Mit der Zeit wurde die Liste in Frage kommender Einrichtungen immer länger.

Bei einigen Seniorenwohnanlagen reichten die im Internet vorhandenen Informationen aus, um sie entweder auszuschließen oder in die engere Wahl einzubeziehen. Bei anderen Häusern forderten wir Unterlagen per Post an. Dann schickten wir Dutzende von Bewerbungen an die ausgewählten Einrichtungen bzw. ihre Träger.

Genau 24 Seniorenwohnanlagen kamen in unsere engere Auswahl – die meisten haben wir dann auf drei Reisen besucht. Falls möglich haben wir in einem Gästeapartment übernachtet (sogenanntes „Probewohnen“), sodass wir auch mit Bewohner/innen beim Frühstück, beim Mittagessen oder auf dem Gang sprechen konnten. Unsere Eindrücke haben wir in eine Tabelle eingetragen, die Sie hier aufrufen können. Die Namen der Seniorenwohnanlagen und identifizierende Details haben wir aber gelöscht. Dennoch bleibt die Tabelle interessant, da sie die große Bandbreite der Angebote und der Kosten widerspiegelt.

Das Haus, in dem wir jetzt wohnen, wollten wir eigentlich nur bei einem Spaziergang von außen anschauen. Dabei kamen wir mit einem Bewohner ins Gespräch, der uns einlud, seine Wohnung zu besichtigen. Dann haben wir relativ schnell den Zuschlag für ein frei gewordenes Apartment bekommen, weil viele Paare auf der Warteliste abgesagt hatten, nicht erreicht werden konnten oder wegen Verwitwung, Pflegebedürftigkeit u.Ä. nicht mehr in Frage kamen.

Inge Becker-Textor & Dr. Martin R. Textor


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